Ziele des Vereins
Was will der „Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln“?
Den Gründungsmitgliedern geht es um die Kultur und Pflege der Erinnerung in unserer Stadt und in unserer Region, also im Wesentlichen dem Landkreis.
Der Name des Vereins deutet zwei inhaltliche Schwerpunkte an, Kultur- und Zeitgeschichte. Ich beginne mit der Zeitgeschichte, der Geschichte im letzten, im 20. Jahrhundert.
Als ich einmal jung war, „vor 68“, sah diese Kultur der Erinnerung ganz anders aus, eigentlich gab es sie nicht. Den Menschen wurde das Thema Nationalsozialismus als schicksalhaftes Menetekel deutscher Geschichte nahe gebracht. Man näherte sich der Vergangenheit mit dem Ziel, sie zu „bewältigen“.
Mit einer neuen, im demokratischen Deutschland groß gewordenen Generation hat sich in den letzten Jahrzehnten die bundesdeutsche Gesellschaft in Forschung und Lehre, in Publizistik und zivilbürgerlichem Handeln des Themas Nationalsozialismus angenommen, es sich in oft heftiger Auseinandersetzung angeeignet und bearbeitet, und zwar nicht mit dem Ziel es zu „bewältigen“, sondern mit dem Bedürfnis zu verstehen.
Inzwischen wurden neue Aktenbestände erschlossen, hat sich unser Wissen um ein Vielfaches erweitert, sind wir mit dem Verschwinden der Zeitzeugen konfrontiert, ist erneut eine neue, noch unbefangenere Generation am Prozess der Erinnerung beteiligt, haben sich manche Schwerpunkte des Interesses an der Vergangenheit verlagert – doch das Verstehen, das Begreifen, was damals in diesem deutschen Volk abgelaufen ist, die Frage nach dem Warum, wer wie gehandelt hat, wurde mit der Anhäufung und intellektuellen Bearbeitung von Wissen nicht einfacher. Im Gegenteil: das Verstehen wurde immer komplizierter.
Hannah Arendt formulierte in den 1960er Jahren den Ausgangspunkt ihrer lebenslangen Arbeit folgendermaßen:
„Wir ... haben in den 1930er und 1940er Jahren den totalen Zusammenbruch aller geltenden moralischen Normen im öffentlichen und privaten Leben miterlebt.“[1]
„Da ist irgendetwas passiert, mit dem wir alle nicht fertig
werden.“[2]
In der Zeit ihrer Generation, der Beteiligten, ist etwas geschehen, das die Fähigkeiten dieser Generation, es zu bewältigen, gesprengt hat. Das gilt – so denke ich – kaum weniger für unsere Generation.
Der Zeithistoriker Norbert Frei schreibt im Jahre 2005:
„Eine angemessene – und das heißt nicht zuletzt auf sich verändernde Fragen Auskunft gebende – Vergegenwärtigung der nationalsozialistischen Vergangenheit bleibt auch im 21. Jahrhundert politisch-moralisches Gebot und intellektuelle Herausforderung.“
Und er betont:
„Nötig allerdings ist dazu Wissen, nicht nur Bereitschaft zur Erinnerung.“[3]
Die Bereitschaft zur Erinnerung meint nicht, in hehren Worten zu mahnen, natürlich müsse Vergangenheit aufgearbeitet werden; sie meint, sich konkret mit der Vergangenheit seiner nahen Umwelt auseinander zu setzen, sich als Person, als Bürgervertretung, als Stadt seiner Vergangenheit zu nähern. Das ist nicht einfach, denn Bindungen aller Art sind mit der Vergangenheit von Heimat gegeben.
Wenn es um die NS-Geschichte der Stadt, des Betriebes, der Institution geht, wird die Zurückhaltung groß, um es milde zu formulieren. Dann hat man nämlich den Volks- und Parteigenossen der NS-Zeit nicht als entferntes Wesen vor Augen, sondern als konkrete Gestalt, die am Ort gelebt und gehandelt hat, als Täter und als Zuschauer und als Opfer, die Nachbarn und Mitbürger waren, aber aus der sog. Volksgemeinschaft eliminiert wurden.
Und wenn diese Nähe erst einmal hergestellt ist, dann betritt man ein intensiv zu bearbeitendes Feld der Forschung und der politischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Dann steht nicht mehr das ferne, monströse, unfassbare Verbrechen allein im Vordergrund, dann wird der Alltag von Gewalt und Denunziation, Feigheit und Mut, Ducken und Widerspruch thematisiert.
Und wenn man dieses Thema zu fassen hat, dann kann man nicht 1933 anfangen und 1945 aufhören, dann muss man den Weg der Stadt und der Region in die nationalsozialistische Herrschaft erkunden, die Zerschlagung der republikanisch-demokratischen Ordnung und der Arbeiterbewegung hier vor Ort.
Mit dem 1913 eingeweihten Goltz-Haus in der Bennigsenstraße – Sitz des Ortsgruppe des rechtsnationalen „Jungdeutschlandbunds“ – meinen Wilfried Altkrüger und ich einen wichtigen Ort zur Verbreitung undemokratischen Gedankenguts in Hameln gefunden zu haben, der sich erklärtermaßen zum Ziel gesetzt hat,
„die Jungen fernzuhalten jener verhetzenden und zersetzenden Tätigkeit sozialdemokratischer Wähler, die alles, was lieb und wert ist, in den Schmutz zu zerren suchen, und unter deren Einfluss Vaterlandsliebe und Gefühl für echtes Heldentum verloren geht.“
Dann muss man auch die Frage stellen dürfen, ob und wenn wie, die Menschen in Hameln, aus ihrer sog. „Volksgemeinschaft“ herausgekommen sind. Viele Täter des Dritten Reiches wurden – was typisch ist für die gesamte Bundesrepublik – nicht ausgestoßen, nicht verfolgt und verurteilt, sondern toleriert, respektiert, in ihren Positionen belassen oder wieder zugelassen und bei ihren Karrieren gefördert.
Hameln war darüber hinaus in den Nachkriegsjahrzehnten ein wichtiger Knotenpunkt im Netzwerk vormaliger Nationalsozialisten und neuer Rechtsradikaler; hier gründeten sich die Deutschen Unitarier, war der Soltsienverlag angesiedelt, gab es mehrere HIAG-Treffen, fand die Gründung der SRP, einer Nachfolgeorganisation der NSDAP, statt.
Viele Städte in der Umgebung haben inzwischen auch die Seite der NS-Täter untersucht, Hildesheim und Hannover, aber auch kleinere wie Detmold, und zuletzt auch Bückeburg, Stadthagen und Rinteln unter dem Titel „Schaumburger Nationalsozialisten, Täter, Komplizen, Profiteure.“[4]
Es ist die größte Schwäche der Hamelner Erinnerungskultur, dass auf diesem Gebiet nur kleine Ansätze vorliegen, aber keine systematische Erforschung, für den Landkreis nicht einmal Ansätze.
Die Gewalt der Nationalsozialisten hat nicht nur Menschen, Zusammenleben und Gesellschaft vernichtet, sondern auch Werte gesprengt, die zur Sinnstiftung einer Gesellschaft notwendig sind und die es ermöglichen, die Verbrechen zu beurteilen.
Die kontinuierliche Erforschung und Debatte über die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten ist Teil dieser Sinnstiftung. Wir brauchen diese Erinnerungsarbeit, um uns als Gesellschaft besser und tiefer zu verstehen und um uns in unserer Stadt beheimatet zu fühlen.
Die Vereinsgründung ist auch deswegen nötig, um Hameln in das gut entwickelte niedersächsische Netzwerk der Erinnerungsarbeit einzubinden, wie es sich eindrucksvoll in dem von der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten herausgegebenen Heft „Geschichte bewusst machen“ niederschlägt.
Ich komme zum zweiten Schwerpunkt des Vereins für regionale Kultur- und Zeitgeschichte, der heimischen Kulturgeschichte.
Auch hier geht es – wenn auch unter anderem Vorzeichen – um Beschädigungen und Zerstörungen, Beschädigungen und Zerstörungen, die wir zulassen, wenn wir Städte und Ortsbilder kurzatmigen Moden und vermeintlichen Zwängen unterwerfen.
Da walten Moden und vermeintliche Zwänge unterschiedlicher Art.
Lange war es das Argument des Verkehrs.
Ein Beispiel ist der Abriss des schwer beschädigten mittelalterlichen Rathauses am Pferdemarkt 1946, ein anderes die völlige Abholzung des von den Hamelnern so geliebten mit vier Reihen von Linden bestandenen Ostertorwalles und sein Ausbau zu einer vierspurigen Schnellstraße 1955.
Immer war es der Hinweis auf die Wirtschaftlichkeit.
Nach der Errichtung der Kaufhäuser C&A und Hertie in den 1970er Jahren ist es jüngst der Bau der „Stadtgalerie“ – ein Großprojekt mit maßstabsprengenden Dimensionen in der Altstadt mit ihrer historischen, kleinteiligen Struktur aus engen Straßen und zahlreichen denkmalgeschützten Fachwerkhäusern.
Mit dem Bau der „Stadtgalerie“ hat man den Fehler, der mit dem Hertie-Kaufhausbau gemacht wurde, nicht nur nicht korrigiert, sondern durch das noch umfangreichere Gebäude noch vergrößert. Dafür hat man einen historischen Straßenzug preisgegeben und überbaut und ein Element des wertvollsten, weil ältesten historischen Dokuments der Stadt zerstört: den Grundriss. Ganz nach innen gewandt, nach außen aber geschlossen und abweisend, bringt das Einkaufszentrum eine für die Altstadt völlig unverträgliche bauliche Form ein.
In jüngerer Zeit sind es das Stadt-Marketing und der Event-Tourismus.
Das nach dem Münster bedeutendste Bauwerk der Stadt, das Hochzeitshaus, wurde zum Ort der „Erlebniswelt Renaissance“. Der Rat sah die Chance, die touristische Attraktivität der Stadt entscheidend zu steigern und setzte sich, weil Fördergelder lockten, unter immensen Zeitdruck.
In der „Erlebniswelt“, die den Gast mit einer rein virtuellen Welt konfrontierte, wurde Kultur konfektioniert und banalisiert und Touristen für eine schnelle Befriedigung dienstbar gemacht. Sie ignorierte das durchaus vorhandene Bedürfnis, Geschichte zu erleben, vor allem aber das Pfund, mit dem man auch marketingmäßig eigentlich hätte wuchern können, die konkreten Bauten der Weserrenaissance. In keiner Weise diente sie – und das war ihr größter Fehler – dem Bedürfnis der Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt nach Identifikation mit ihrer eigenen Geschichte.
Schmerzen bereitet der Gedanke an das für die „Erlebniswelt“ wie eine Gans ausgenommene Hochzeitshaus selbst, dessen von Hamelner Künstlern in den frühen 1930er Jahren gestaltete großartige Treppenhaus durch den Totalumbau verloren ist. Die negativen Folgen des Totalumbaus sind auch durch eine neue Nutzung nicht zu tilgen.
Die Mitglieder des Vereins sehen Aufgaben deswegen in den folgenden kulturgeschichtlichen Bereichen:
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Der Aufarbeitung und kritischen Begleitung von Veränderungen im städtischen und ländlichen Ortsbild und
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Der Dokumentation gegenwärtiger gefährdeter, aber auch verloren gegangener Kulturgüter.
Autor: Bernhard Gelderblom
[1] Hannah Arendt, Über das Böse, München 2006, S. 14
[2] Dies., Ich will verstehen, München 1996, S. 60
[3] Norbert Frei, 1945 und Wir. Die Gegenwart der Vergangenheit, in Ders., 1945 und Wir. Das Dritte Reich im Bewusstsein der Deutschen, München 2005, S. 22
[4] Hrsg. von Frank Werner, Bielefeld 2009
