Die Dokumentation der Opfer der NS-Herrschaft
in der Stadt Hameln und im Landkreis Hameln-Pyrmont
 

4.  Die Opfer unter weiteren Verfolgtengruppen

4.1  "Euthanasie"-Opfer

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Eilers, Ernst Karl Friedrich

wurde am 25. Oktober 1939 in Brünnighausen im Landkreis-Hameln geboren.

Das Kind wurde am 28. Juni 1943 mit der Diagnose „Schwachsinn“ und „angeborene Taubheit“ von der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg aufgenommen.

Ernst starb in der dortigen „Kinderfachabteilung“ am 11. April 1945, angeblich an Lungenentzündung und akuter Nierenentzündung.

Nicht auszuschließen ist, dass der Junge zu den über 300 Kindern gehörte, die die Lüneburger Anstalt im Rahmen der Kinder-„Euthanasie“ als „lebensunwert“ durch die Gabe des Schlafmittels Luminal getötet hat. Wahrscheinlich aber ist Ernst zu den 100 Kindern zu zählen, die infolge von Mangel- oder Fehlversorgung umkamen.

Jonas, Helene Martha

wurde am 1. Dezember 1889 in Tündern bei Hameln geboren. Ihre Eltern waren der jüdische Viehhändler Moritz Jonas und seine Frau Dina, geborene Löwenstein.

Ihre ältere Schwester Gertrud Moos wurde nach Auschwitz deportiert. Nur ihr Bruder Erwin überlebte den NS-Völkermord.

1913 war Helene Jonas in Bodenfelde 'in Stellung'. Später lebte sie als Haushälterin im hessischen Wolfhagen.

Am 25. November 1938 zog sie nach Kassel in die Moltkestraße 10.

Am 11. April 1941 verschleppte die Gestapo Kassel Helene Jonas in das 'Arbeitserziehungslager' Breitenau, ein Gestapo´-KZ, und von dort weiter in das KZ Ravensbrück.

Vermutlich gehörte Helene Jonas zu den weiblichen Insassen, die im Rahmen der „Euthanasie“-Mordaktion „14f13“ in der „Heil- und Pflegeanstalt“ Bernburg bei Halle durch Gas ermordet wurden.

Die in der vom KZ-eigenen Standesamt Ravensbrück II ausgestelltenTodesurkunde genannten Todesdaten - gestorben in Ravensbrück am 3. Mai 1942 - sind gefälscht.

Saile, Ingrid

wurde 28. Juli 1939 in Hannover geboren. Die Mutter starb noch im Wochenbett. Zusammen mit seiner Stiefmutter, einer Schwester der Mutter, und der Großmutter wurde das Mädchen nach Benstorf im Landkreis Hameln-Pyrmont evakuiert – vermutlich 1943 nach den verheerenden Luftangriffen auf Hannover – und wohnte in Haus Nr. 72.

Da ein Gutachten des Gesundheitsamtes Hameln eine Einlieferung wegen „hochgradigen Schwachsinns“ empfahl, brachten Großmutter und Stiefmutter das Kind am 8. September 1944 in die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg. Diese stellte die Diagnose „Idiotie“ und „Blindheit“, verursacht wohl infolge einer schweren Zangengeburt.

In der „Kinderfachabteilung“ der Anstalt starb Ingrid am 18. September 1944, angeblich an „akuter Gastroenteritis“ (Magen-Darm-Entzündung, Brechdurchfall).

Nicht auszuschließen ist, dass das Mädchen zu den über 300 Kindern gehörte, die die Lüneburger Anstalt im Rahmen der Kinder-„Euthanasie“ als „lebensunwert“ durch die Gabe des Schlafmittels Luminol getötet hat. Wahrscheinlich aber ist Ingrid zu den 100 Kindern zu zählen, die infolge von Mangel- oder Fehlversorgung umkamen.

Wichmann, Christoph

wurde am 27. Februar 1934 in Dehmkerbrock im Landkreis Hameln-Pyrmont geboren.

Mit der Diagnose „Schwachsinn“ befand sich der Junge wohl seit 1838 in einer Anstalt der Inneren Mission in Rotenburg/Wümme.

Am 9. Oktober 1941 wurde Christoph in die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg verlegt. In der dortigen „Kinderfachabteilung“ starb er am 15. Januar 1943, angeblich an „Grippe“ und „Luftröhrenentzündung“.

Nicht auszuschließen ist, dass der Junge zu den über 300 Kindern gehörte, die die Lüneburger Anstalt im Rahmen der Kinder-„Euthanasie“ als „lebensunwert“ durch die Gabe des Schlafmittels Luminol getötet hat. Wahrscheinlich aber ist Christoph zu den 100 Kindern zu zählen, die infolge von Mangel- oder Fehlversorgung umkamen.

Windmüller, Anna

wurde am 9. Februar 1900 in Hameln geboren. Die Frau war jüdischen Glaubens und wohnte in Hameln.

Da sie geistig behindert war, kam sie später in die Pflegeanstalt Dr. Fontheim in Liebenburg.

Anna Windmüller gehörte zu den 148 psychisch Kranken und geistig Behinderten jüdischer Herkunft, die im September 1940 aus ganz Norddeutschland in die 'Heil- und Pflegeanstalt' Wunstorf gebracht wurden, um am 27. September 1940 in die „Heilanstalt“ Brandenburg/Havel deportiert zu werden; diese war seit Anfang 1940 eine „Tötungsanstalt“ der NS-„Euthanasie“, in der – nach NS-Definition – „lebensunwertes Leben“ in Gaskammern vernichtet wurde.

Anna Windmüller wurde noch am Tag ihrer Ankunft, am 27. September 1940, ermordet.