Gedenkbuch der NS-Opfer
Ein Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus in der Region
Das sog. Polengrab liegt am Rand des Dorfes Holtensen am Lengeberg. Über Jahrzehnte wurde es gepflegt, und nur die Holtenser wussten, wer es pflegte. Man munkelte, der Mann, der dort begraben sei, habe ein Verhältnis mit einer deutschen Frau gehabt und sei deswegen erschossen worden. Diese Frau und später ihre Tochter pflege sein Grab bis heute.
Nach 2000 verwilderte das Grab. In dieser Zeit gelang es Mario Keller-Holte und Bernhard Gelderblom, die Person, die hier liegt, zu identifizieren. Es handelt sich um den russischen Lehrer Alexander Nepomnjaschi, einen Lehrer, der als Kriegsgefangener auf dem Hof eines Holtenser Bauern Zwangsarbeit leisten musste. Die Recherchen ergaben, dass deutsche Soldaten, die für die Sprengung der Weserbrücken abkommandiert waren, ihn erschossen, weil er über die glorreichen Aussichten der Deutschen auf den „Endsieg“ gelästert hatte.
Seit 2005 haben Holtenser Bürger die Pflege des Grabes übernommen und es neu gestaltet. So bleibt dem Dorf Holtensen dieses Grab erhalten.

Linkes Bild: Das Polengrab in den 1990er Jahren; mittleres Bild: Alexander Nepomnjaschi als Zwangsarbeiter; rechtes Bild: Das Grab
seit seiner Neugestaltung (Quelle: Kreisarchiv Hameln-Pyrmont, Fotos: Bernhard Gelderblom)
Vor etwa zwei Jahren nahm der Belgier Eric De Pauw Kontakt zu Bernhard Gelderblom auf. Er suchte den Todesort seines Vaters, der wegen Widerstands gegen die deutsche Besatzung festgenommen und zu Zuchthaus verurteilt worden war. Dass er im Hamelner Zuchthaus gesessen und im April 1945 auf den Todesmarsch gekommen war, der vom Hamelner Zuchthausaußenlager Holzen nach Bützow führte, und dass er während dieses elenden Marsches in Bad Liebenwerda – ganz im Osten Deutschlands, zwischen Berlin und Dresden – gestorben sein sollte, wusste Eric De Pauw aus dem Brief eines Mithäftlings.
In Bad Liebenwerda war weder von diesem Todesmarsch noch speziell vom Tod De Pauws etwas bekannt. Durch wiederholtes und hartnäckiges Nachfragen fand die engagierte Stadtarchivarin am Ende doch ein Blatt, auf dem die Namen von insgesamt fünf in Bad Liebenwerda verstorbenen Häftlingen aus dem Zuchthaus Hameln vermerkt waren.

Erik De Pauw im Juni 2009 in Bad Liebenwerda am Grab seines Vaters Ortar De Pauw; Grabsteininschrift mit den Namen der in Bad
Liebenwerda bestatteten Hamelner Zuchthäftlinge (Fotos Bernhard Gelderblom)
Die Stadt Bad Liebenwerda war kurzfristig bereit, einen Stein zusetzen und eine kleine Feierstunde zu halten. Eric De Pauw hat dort formuliert:
„Heute habe ich meinen Vater begraben.“
Seine Familie hatte den Tod des Vaters und die Tatsache, dass er unbekannt verstorben war, nie verwunden.
Die Mitglieder der Generation der Opfer sind inzwischen zumeist verstorben. Aber das, was sie uns an Erinnerungen hinterließen und was ihre Kinder und Kinderkinder an Leid mit sich tragen, lehrt uns, dass die Verbrechen des Dritten Reiches nicht fern, nicht vergangen sind. Zahlreiche Kontakte vor allem zu ausländischen Angehörigen von Zuchthausopfern zeigen das.
Die Kinder und Kindeskinder der Opfer des Zuchthauses suchen den Ort des Leidens ihrer Väter und Großväter, gehen den Weg der beiden Todesmärsche vom Außenlager Holzen nach Bützow und von Hameln nach Holzen nach und suchen verzweifelt und in aller Regel vergebens nach Grabstellen.
Bisher können wir die folgenden Opfergruppen unterscheiden und gehen von den Dimensionen aus:
Juden, Männer, Frauen und Kinder – etwa 100 Menschen aus Hameln und weitere 94 aus dem Landkreis

Namenstafel der jüdischen Opfer am Mahnmal Bürenstraße
(Foto: Bernhard Gelderblom)
Ausländische Zwangsarbeiter, Männer, Frauen und Kinder – gut 300 Menschen (bei einer sehr hohen Dunkelziffer)
Jüngst war es z. B. möglich, die Namen von über 50 ausländischen Säuglingen und Kleinkindern zu ermitteln, die in den Jahren 1943-1946 in der Hannoverschen Kinderheilanstalt Nienstedt (bei Bad Münder) starben. Deren Schicksal war völlig vergessen worden.
Zuchthaushäftlinge, darunter „Politische“, Homosexuelle, Juden, „Rundfunkverbrecher“, Kriminelle, aus Deutschland und dem Ausland – etwa 400, dazu eine bei 200 Männern liegende Zahl von Toten, welche die beiden Todesmärsche forderten.

Platte für die Opfer des Zuchthauses Hameln, am
Weserufer im Bereich des heutigen Hotels
Stadt Hameln (Foto: Bernhard Gelderblom)
Bei den Zuchthausinsassen ist die Dunkelziffer noch größer als bei den Zwangsarbeitern. Wir wissen inzwischen durch die Forschungen von Mario Keller-Holte, dass sehr viele Männer aus dem Zuchthaus Hameln nach Abbüßen ihrer Strafe in KZs verschleppt wurden, wo sie zu allermeist der Tod erwartete.
Andere Opfergruppen, insbesondere Euthanasie-Opfer, ließen sich bisher für Hameln-Pyrmont nicht nachweisen.
In einer Gesellschaft, die den Opfern die Anteilnahme verweigert, werden ihre Leiden fortgesetzt. Schuld, die nicht bearbeitet und überwunden wird, wirkt in die Gesellschaft hinein. Verdrängung und Verleugnung aus dem öffentlichen Bewusstsein bürden den Opfern und ihren Angehörigen die emotionalen Lasten der Tat auf und verweigern ihnen Anteilnahme, Mitgefühl und Solidarität. Gewalt wird immer erinnert. Wird sie nicht bearbeitet und ihre Logik gebrochen, wirkt sie weiter, ohne dass ihr Ausgangspunkt erkennbar bleibt.

„Bleibt bei uns, ihr Toten, helft uns vor neuer Schuld“ von
Günther Eich – Tafel am Mahnmal für die zerstörte Synagoge in der
Bürenstraße – Zustand im Jahre 2009 (Foto: Bernhard Gelderblom)
Wir brauchen Erinnerungsarbeit, um unsere Wahrnehmung, unser Mitgefühl, unsere Anteilnahme und unsere Solidarität zu stärken.
Trauer ist ein wichtiges soziales Element jeder Gesellschaft. Menschen trauern gemeinschaftlich, sie verarbeiten den Verlust des Anderen gemeinsam, stärken sich dadurch gegenseitig und entwickeln wieder Zuversicht. Wir haben so viele Menschen verloren. Vielleicht brauchen die Toten uns nicht mehr. Sicher ist aber, wir brauchen sie, weil sie zu uns und unserer Geschichte gehören.
Wir möchten deshalb ein Gedenkbuch der Opfer des
Nationalsozialismus in der Region erstellen,
das in der
zweiten Jahreshälfte 2012 erscheinen wird.
Autor: Bernhard Gelderblom
