Die Dokumentation der Opfer der NS-Herrschaft
in der Stadt Hameln und im Landkreis Hameln-Pyrmont
 

30. Juni 2013
Januar 2016 aktualisiert (dabei um 94 Namensartikel erweitert)
 

Vorwort

In einer Gesellschaft, die den Opfern die Anteilnahme verweigert, werden ihre Leiden fortgesetzt. Schuld, die nicht bearbeitet und überwunden wird, wirkt in die Gesellschaft hinein. Verdrängung und Verleugnung aus dem öffentlichen Bewusstsein bürden den Opfern und ihren Angehörigen die emotionalen Lasten der Tat auf und verweigern ihnen Anteilnahme, Mitgefühl und Solidarität. Gewalt wird immer erinnert. Wird sie nicht bearbeitet und ihre Logik gebrochen, wirkt sie weiter, ohne dass ihr Ausgangspunkt erkennbar bleibt.

Die Generation der Opfer der NS-Herrschaft ist inzwischen – von wegen Ausnahmen abgesehen – verstorben. Aber das, was sie uns an Erinnerungen hinterließen und was ihre Kinder und Kindeskinder an Leid mit sich tragen, lehrt uns, dass die Verbrechen des Dritten Reiches nicht vergangen sind.
Wir brauchen Erinnerungsarbeit, um unsere Wahrnehmung, unser Mitgefühl, unsere Anteilnahme und unsere Solidarität zu stärken. Trauer ist ein wichtiges soziales Element jeder Gesellschaft. Menschen trauern gemeinschaftlich, sie verarbeiten den Verlust des Anderen gemeinsam, stärken sich dadurch gegenseitig und entwickeln wieder Zuversicht.

Wir haben sehr viele Menschen verloren. Vielleicht brauchen die Toten uns nicht mehr. Sicher ist aber, wir brauchen sie, weil sie zu uns und unserer Geschichte gehören.

Nach dem Vorbild der Gedenkbücher, die in den letzten Jahren in mehreren deutschen Städten erschienen sind, hat der „Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln e.V.“ eine Dokumentation der Opfer der NS-Herrschaft für die Stadt Hameln und die Orte des Landkreises Hameln-Pyrmont erstellt. Diese Dokumentation basiert auf jahrelangen Recherchen in unterschiedlichen Archiven und Gedenkstätten des In- und Auslandes und auf Informationen von Angehörigen der Opfer.

Zielgruppe der Dokumentation sind zuerst die Angehörigen der Opfer. Es ist für sie von enormer Bedeutung, Kenntnis von den Umständen und der Vorgeschichte des Todes, aber auch vom Todes- und Begräbnisort ihres Angehörigen zu erlangen.

Die Dokumentation wendet sich auch an die Bürgerinnen und Bürger in Hameln-Pyrmont. Sie soll vermitteln, welche Verbrechen in der NS-Zeit in ihrem Ort geschahen. Insbesondere für Schulen kann die Dokumentation eine wertvolle Quelle ihrer Arbeit sein.

Adressaten sind zudem die zahlreichen in- und ausländischen Institutionen und Einzelpersonen, die zur Geschichte der Opfer der NS-Herrschaft forschen.

 
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Die Opfergruppen

Die Auswahl der Opfer folgt der Sichtweise des Vorsitzenden des Landesverbandes Niedersachsen des Volksbundes, Rolf Wernstedt. Wernstedt spricht von „primären“ und „sekundären“ Opfern.

„Primäre“ Opfer sind Menschen, deren Leben in den KZs, anderen Lagern, Gefängnissen und Tötungsanstalten „der mutwilligen und erklärten Vernichtung“ ausgesetzt war. Dazu zählen etwa rassisch Verfolgte wie Juden und sowjetische Kriegsgefangene, aber auch Personen, die als „Asoziale“ oder aus politischen Gründen verfolgt wurden.

Als „sekundäre“ Opfer bezeichnet Wernstedt jene Menschen, deren massenhaften Tod das NS-Regime billigend in Kauf genommen hat, also zivile Zwangsarbeiter, nichtsowjetische Kriegsgefangene und Zuchthausgefangene. Sie starben durch miserable Arbeitsumstände, unzureichende Versorgung und mangelhafte oder vorenthaltene medizinische Betreuung.

Mit den Menschen jüdischen Glaubens, den deutschen und ausländischen Gefangenen des Zuchthauses Hameln und den ausländischen zivilen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen umfasst diese Dokumentation sowohl „primäre“ als auch „sekundäre“ Opfer. Sie bilden zahlenmäßig die mit weitem Abstand größten Opfergruppen in der Stadt Hameln und dem Landkreis Hameln-Pyrmont.

Während zivile Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene Ausländer waren und auch die Zuchthausgefangenen in aller Regel nicht aus Hameln stammten, kamen – neben den jüdischen Bürgern – weitere kleine Verfolgtengruppen aus der einheimischen Bevölkerung. Zu nennen sind insbesondere „Euthanasie“-Opfer, politische und wegen ihrer Homosexualtät Verfolgte sowie Menschen, die gegen Kriegsende „wild“ erschossen wurden. Sie werden in einem gesonderten Kapitel dargestellt. Die dafür notwendigen Recherchen sind noch nicht abgeschlossen.

 
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Der Aufbau der Dokumentation

 

Kapitel 1
Die Opfer unter den jüdischen Bürgern

Die Menschen, welche die Nationalsozialisten als Juden verfolgten, wurden – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht in Hameln-Pyrmont umgebracht, sondern nach ihrer Deportation in KZs oder Ghettos.

Zur Darstellung kommen 265 Personen (Stand Januar 2016).

76 Männer jüdischer Herkunft, die nach 1933 als rassisch Verfolgte nach Hameln in das örtliche Zuchthaus verschleppt wurden, zählen nicht zu diesem Personenkreis; ihre Namensartikel finden sich in Kapitel 2.1.
Zwei jüdische „Euthanasie“-Opfer, die aus Hameln und Tündern kamen, werden in Kapitel 4.1 ausführlich dargestellt.

 

Kapitel 2
Die Opfer unter den Gefangenen des Zuchthauses Hameln

Obwohl das Zuchthaus in Hameln nicht zum System der NS-Konzentrationslager gehörte, wird es von Institutionen wie der Stiftung „Erinnerung Verantwortung Zukunft“ als einem Konzentrationslager vergleichbar bewertet. Maßgeblich dafür sind einmal der Unrechtscharakter der Verurteilung und der Strafzumessung, zum anderen die unmenschlichen Haftbedingungen, insbesondere die harte Arbeit, die unzureichende Ernährung und die fehlende bzw. mangelhafte medizinische Versorgung.

Dargestellt werden 832 Personen. 454 kamen im Zuchthaus Hameln, im Außenlager Holzen und auf Todesmärschen ums Leben 
(einschl. 17 Personen, von denen nur die Nationalität bekannt ist).

378 Männer überlebten die Verschleppung aus dem Zuchthaus Hameln in andere Strafanstalten, in Gestapogefängnisse, Konzentrationslager und Ghettos nicht. Zu ihnen zählen 24 Männer, die zur Hinrichtung in Strafanstalten mit Hinrichtungsstätte verlegt wurden.

Da die Zahl der namentlich nicht bekannten Toten, die auf Todesmärschen umkamen, bei über 200 liegt, ist von über 1000 Opfern auszugehen (Stand Januar 2016).

 

Kapitel 3
Die Opfer unter den ausländischen zivilen Zwangsarbeitern sowie den Kriegsgefangenen

Die Opfer aus dieser Gruppe aus dem Kreis der ausländischen zivilen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie der Kriegsgefangenen stammen zumeist aus Polen und der ehemaligen Sowjetunion.

Mehr als ein Drittel von ihnen waren Kinder unter 14 Jahren, darunter allein 107 Kinder, die im „Ausweichkrankenhaus“ der Kinderheilanstalt Hannover im Dorfe Nienstedt am Deister zu Tode kamen.

Es kommen 672 Personen zur Darstellung, davon 234 Kinder (Stand Januar 2016).

 

Kapitel 4
Die Opfer unter weiteren Verfolgtengruppen

Den Opfern des vierten und letzten Kapitels gemeinsam ist – ebenso wie den im ersten Kapitel dargestellten Opfern unter den jüdischen Bürgern – die Herkunft aus der Region Hameln-Pyrmont. Die Recherchen zu den nachfolgend genannten Opfergruppen sind besonders aufwendig und noch nicht abgeschlossen.

Bislang lassen sich sechs Namen von „Euthanasie“-Opfer aus Hameln-Pyrmont nennen. Nachforschungen zu dieser Personengruppe sind allerdings mit einer hohen Unsicherheit belastet, da die Todesumstände oft nicht eindeutig erkennbar sind.
Aus der Gruppe der politischen Gegner des NS-Regimes ließen sich bisher zwei Opfer ermitteln, ebensoviele aus dem Kreis homosexueller Männer.
Opfer von „wilden“ Erschießungen in den letzten Kriegstagen wurden zwei Männer.
Recherchen zu den rassisch verfolgten Sinti vor Ort blieben bisher ebenso ergebnislos wie die zu den religiös verfolgten Jehovas Zeugen (Stand Januar 2016).

Es kommen zwölf Personen zur Darstellung (Stand Januar 2016).

 
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Die Ausgestaltung der biographischen Texte

Jedes Schicksal eines Opfers der NS-Herrschaft erfährt in einem eigenen Namensartikel eine zusammenhängende Darstellung, die wenigstens in Umrissen eine Anschauung von der Person und ihrem Verfolgungsschicksal geben soll. Eine Auflistung der biographischen Daten in Tabellenform würde dem Anspruch eines Opfers auf eine würdige Darstellung nicht gerecht.

Die für die einzelnen Personen zur Verfügung stehenden Informationen sind in ihrem Umfang sehr unterschiedlich. Über das früh verstorbene Kind einer Zwangsarbeiterin wissen wir verglichen mit dem Zuchthausgefangenen, der ein langes Verfolgungsschicksal erlitten hat, sehr wenig. Von daher sind die Namensartikel unterschiedlich lang.

Innerhalb der Opfergruppen werden die Personen nach dem Alphabet geordnet aufgeführt.

In mehreren Kapiteln finden sich zur Verdeutlichung von Zusammenhängen Kurzfassungen von Namensartikeln, die auf die ausführliche Darstellung in einem anderen Kapitel verweisen. So finden in Tündern oder Aerzen geborene Juden, die ihren Lebensmittelpunkt nach 1933 in Hameln hatten, eine ausführliche Darstellung unter Hameln, eine Kurzfassung hingegen steht unter ihrem Geburtsort.

Das Verzeichnis nach Opfergruppen wird durch ein alphabetisches Gesamtverzeichnis aller Namen ergänzt. Durch Anklicken eines Namens öffnet sich der entsprechende Personenartikel. Durch Anklicken der Überschrift eines (Unter-) Kapitels gelangt man zu den gesammelten Namensartikeln des jeweiligen Kapitels. 

Zum besseren Verständnis der Opfergruppen wird der Dokumentation eine ausführliche Einführung vorangestellt.

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Dank

Die Webseite hat mit großem Können und sehr viel Geduld Johannes Jürrens, Hameln, entwickelt und gestaltet. Ihm gilt unser besonderer Dank.

Heinz Engelhard, Hameln, hat sich der großen Mühe unterzogen, Korrektur zu lesen. Auch ihm sei gedankt.

Einen finanziellen Beitrag haben dankenswerter Weise geleistet:

Die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten in Celle
Der Landkreis Hameln-Pyrmont
Die Stadt Hameln
Die Stadtwerke Hameln
Der Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln e.V.

 

Die Dokumentation der Opfer der NS-Herrschaft ist nicht abgeschlossen. Die Unterzeichneten bitten um Rückmeldungen und Hinweise jeder Art an vorstand@geschichte-hameln.de.

 

Hameln, den 30. Juni 2013

Bernhard Gelderblom und Dr. Mario Keller-Holte

 

Nach einzelnen Korrekturen und Ergänzungen im Detail 2013-2015, die auch zur Erstellung des Kapitels „Corrigenda“ geführt haben, ist die Dokumentation Anfang 2016 aktualisiert und sind die Kapitel 1 und 2 um 94  Namensartikel erweitert worden.

Hameln, im Januar 2016

Bernhard Gelderblom und Dr. Mario Keller-Holte

 
 

Die "Dokumentation der Opfer der NS-Herrschaft" könnnen Sie als PDF-Datei herunterladen.
 

 

DeWeZet vom 6. April 2013 - "Ein Gedenkbuch für die Opfer" - PDF-Datei

Pyrmonter Nachrichten vom 26. Juni 2013 - "Gegen das Vergessen" - PDF-Datei


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