NS-Täter

Einführung
Emil Busching
Das Goltzhaus

NS-Täter

Perspektiven der NS-Forschung in Hameln

In den vergangenen Jahren sind die unterschiedlichen Opfergruppen der NS-Zeit in und um Hameln vor allem durch Bernd Gelderblom erforscht und gewürdigt worden,[1] wobei die Beschäftigung mit dem Themenkomplex aber noch keineswegs abgeschlossen ist.

Die Beschäftigung mit den Opfern hat uns vor Augen geführt, dass über die „andere Seite“ in Hameln, die der Täter, ihrer Helfer und Sympathisanten, relativ wenig bekannt ist, also über die NS-Parteiaktivisten – so die SA- und SS-Männer – und auch über die willigen Helfer in den örtlichen Verbänden und Verwaltungen, vor allem in der Stadtverwaltung.

Um diesem Mangel abzuhelfen, wären auf der Grundlage detaillierter Quellenforschung Biographien und Karrieren zu untersuchen und darzustellen, natürlich immer im Kontext des NS-Systems.

Hier ist man im benachbarten Schaumburgischen deutlich weiter.[2] Bei den meisten Hamelner Tätern und ihren Helfern, die uns bekannt sind, erschöpft sich unser Wissen in der Kenntnis ihres Namens und ihrer Funktion, denn, wie gesagt, Erforschung fand bislang nur ansatzweise statt.[3]

Um dem Thema ein Gesicht zu geben, ist ein Foto des Hamelner SA-Führers Richard Kalusche zu sehen.[4] Kalusche ist ein lokaler Täter der ersten Stunde; Parteimitglied seit 1925, wütete er mit seinen Leuten seit 1929 (Gründung der Hamelner SA) auf Hamelns Straßen, bald so schlimm, dass die 150-300 Mann starke Formation als „Mördersturm“ bezeichnet wurde.

 
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Während Kalusche gleichsam die skrupellose Hand des Hamelner Nationalsozialismus war, die sich dreckig machte, war Heinrich Schmidt der politische Kopf, der die NS-Partei in Hameln in den Jahren vor 1933 voranbrachte. Schmidt war gebürtiger Salzhemmendorfer und kam 1928 als hauptamtlicher Kader von Hildesheim nach Hameln, um in Stadt und Land die Parteileitung zu übernehmen. Ihm gelang es, die Mitgliederzahl in Hameln von anfangs kaum 20 auf 200 Ende 1931 zu steigern. Seit 1929 gehörte er zu den ersten beiden Nazis im städtischen Rat. Noch vor 1933 zurück in Hildesheim, spielte er hier die führende Rolle bei der örtlichen Machtübernahme durch die Nazis. Als Bürgermeister für die Polizei zuständig, war er der Hauptverantwortliche für Verfolgung und Verschleppung politischer Gegner.

Schmidt erhielt nach 1945 für seine Untaten in Hildesheim eine Zuchthaus-Strafe, Kalusche hingegen kam ungestraft davon. Nicht nur das, unbehelligt konnte er, der Täter, in Hameln am Kastanienwall seinen Wohnsitz im Haus eines toten Opfers, des jüdischen Arztes Kratzenstein, nehmen.[5]

Ich habe bereits festgehalten, dass relativ wenig über NS-Täter bekannt ist, was besagen soll, dass sich in letzter Zeit denn doch ein wenig bewegt hat, indem die Kollegen Gelderblom und Altkrüger zu maßgeblichen Größen der „Hamelner Täterszene“ Nachforschungen angestellt haben und weiterhin anstellen (übrigens auch zu personellen Kontinuitäten nach 1945).

Gelderblom etwa über den städtischen Vermessungsrat Gerhard Reiche und den Stadtrat Hans Krüger, die beide mit der Organisierung der Ausraubung und Deportation der Juden aus Hameln befasst waren;[6] Altkrüger ist auf den Spuren des lokalen NS-Haupttäters Emil Busching, der als Bürgermeister und Polizeichef ebenfalls ein hohen Maß an Verantwortung für die lokale Judenverfolgung trug.

 
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Die Einschätzung, dass ein Forschungs- und Kenntnismangel besteht, betrifft natürlich nicht allein Personen, sondern auch die lokale NSDAP und ihre Organisationen insgesamt; so wissen wir fast nichts über die Aktivitäten der örtlichen SS. Dass sie z.B. in der Pogromnacht 1938 aktiv war, zeigt die Aussage eines SS-Mannes, er und seine Kameraden hätten dabei einen „Mordsspaß“ gehabt.[7]

Was ist nun – neben der sorgfältigen Erkundung der Quellenlage (insbesondere im Bundesarchiv Berlin mit seinen relativ großen Beständen an NS-Akten) – zu tun, um dem Mangel abzuhelfen? Zunächst erscheint es sinnvoll, alle greifbaren Personendaten und Fakten zusammenzutragen, um einen besseren Überblick über das Thema und mögliche Forschungsschwerpunkte zu gewinnen. Die Arbeit wird in nächster Zeit deshalb darin bestehen, drei Listen oder Dokumentationen zu erstellen und diese laufend fortzuschreiben:

  1. Eine Aufstellung aller NS-Funktionäre und Aktivisten in Stadt und Landkreis

    Bis jetzt ließen sich knapp 100 Personen aus dem Kreis und über 100 aus der Stadt erfassen.
     
  2. Eine detaillierte „Chronik der Ereignisse“ ab1925 (Gründung der Hamelner NSDAP)

    Das heißt eine zunächst zeitlich geordnete Zusammenstellung aller greifbaren Fakten, der bald eine sachlich geordnete Zusammenstellung folgen sollte. Dazu gehört z.B. die detaillierte Auflistung des SA-Straßenterrors vor 1933 und späterer gewaltsamer Aktivitäten, etwa durch die lokale SS.

    Dieser Punkt sollte sinnvollerweise ergänzt werden durch eine Aufstellung der nationalistischen bis rechtsradikalen Gruppierungen, die in den Jahrzehnten vor 1933 in Hameln aktiv waren.
     
  3. Eine Auflistung von Orten der NS-Organisationen und der Verfolgung

    Bis jetzt sind rd. 40 zu dokumentieren; dazu gehören beispielweise die „Hitlerhäuser“ in der Fischpfortenstraße 6 und ab 1934 in der Erichstraße 4 oder die sog. „Frontkämpfer“-Siedlung, auch „SA-Siedlung“ genannt, an der Holtenser Landstraße (heute Münchhausen-, Flemes- und Gorch-Fockstraße), wo viele NS-Kader ab 1936 billigen Wohnraum erhielten.

 
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Das ehemalige Gerichtsgefängnis des Amtsgerichtes Hameln auf einem
Foto aus den frühen 1970er Jahren (Quelle: Amtsgericht Hameln)

Diese – man könnte sagen – „Topografie“ NS-belasteter Orte in Hameln muss auch die Dokumentation von lokalen Orten der Verfolgung mit umfassen, die für das staatliche Terrorsystem von Bedeutung waren. Hier möchte ich das örtliche Gerichtsgefängnis am Zehnthof nennen, und zwar in seiner Funktion als Polizeigefängnis – auf dem Bild ist das Eingangsportal dieses Gebäudes zu sehen, das vor 40 Jahren abgerissen worden ist. Hier wurden im Laufe der NS-Jahre von der Hamelner Polizei politische und andere ehemalige Zuchthaushäftlinge eingeliefert, die nach Strafverbüßung nicht frei kamen, sondern in „Schutzhaft“ genommen wurden, und ab 1940 über 400 ausländische Zwangsarbeiter, die sich nach NS-Auffassung strafbar gemacht hatten.[8]

Für viele, vielleicht sogar die meisten von ihnen, war das Gerichtsgefängnis nur eine kurze Zwischenstation auf dem Weg in ein KZ oder – bei den Zwangsarbeitern – in ein Gestapolager, ein sog. „Arbeitserziehungslager“, das einem KZ glich.

Damit wurde das Gerichtsgefängnis sozusagen zum „Bindeglied“ zwischen den „kleinen“ NS-Untaten hier in Hameln und dem monströsen Verbrechen „in der Ferne“.

Autor: Dr. Mario Keller-Holte



[1] Unter anderem: Gelderblom, Bernhard, Sie waren Bürger der Stadt. Die Geschichte der jüdischen Einwohner Hamelns im Dritten Reich, Hameln 1996; ders./Keller-Holte, Mario, Ausländische Zwangsarbeit 1939-1945 in Hameln und im Landkreis Hameln-Pyrmont, Holzminden 2006; ders., Das Zuchthaus Hameln in der NS-Zeit, in: ders., Vom Karrengefängnis zur Jugendanstalt, Hameln 2008, S. 18-34.

[2] Werner, Frank (Hg.), Schaumburger Nationalsozialisten: Täter, Komplizen, Profiteure, Bielefeld 2009.

[3] Im wesentlichen zwei Hefte des Stadtarchivs Hameln: Rollfing, Hubertus, Nationalsozialismus in Hameln, o.O. o.J.; ders., Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Hameln 1933, o.O. o.J., sowie die entsprechenden Kapitel bei Brieden, Hubert, „Die Polizei griff ein…“. Die vergessene Geschichte der Hamelner Arbeiterbewegung, Neustadt 1994, S. 113ff. und S. 149ff.

[4] Zu Kalusche und Schmidt: Hameln-Pyrmont. Ein Heimatbuch des Kreises, Magdeburg 1934, S. 1ff., und darüber hinaus zu Schmidt die entsprechende Abschnitte bei Schmid, Hans-Dieter (Leit.), Hildesheim im Nationalsozialismus, Online-Ausstellung der Uni Hannover 2002

[5] Information über diesen empörenden Sachverhalt durch Bernhard Gelderblom.

[6]Gelderblom, Bernhard, Die 50er Jahre in Hameln, Hameln 2008, S. 207f.

[7] Vgl. Goguel, Rudi, Es war ein langer Weg, Düsseldorf 2007 (Neuauflage), S. 105.

[8] Ergebnis von Recherchen des Autors im Staatsarchiv Hannover und im Archiv des Internat. Roten Kreuzes, Bad Arolsen, detaillierte Quellennachweise beim Autor.

 
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