Der Verein
Presse
(DEWEZET vom 02.04.2011)
Vergessen und verfallen – die große Bildsäule
Von
Karin Rohr

Hameln. Wie aufgebahrt liegt er da: Moos bedeckt Teile seines halbnackten Körpers, totes Laub hat sich in der Vertiefung am Hals gesammelt, die Augen scheinen ins Leere zu starren, die Unterschenkel der Beine fehlen. Ein erschütternder Anblick. Der umso trauriger stimmt, wenn man weiß, dass es sich um Teile der Skulptur handelt, die einst als Bildsäule im Hochzeitshaus den Blickfang am Treppenaufgang bildete. Damals. Bevor die „Erlebniswelt Renaissance“ in das historische Gebäude einzog. Und scheiterte.
2004 wurde das Hochzeitshaus für das Mammutunternehmen EWR entkernt und alles herausgerissen, was zum festen Inventar gehörte. Auch die Sandstein-Skulptur. Die stammt von keinem Geringeren als dem renommierten Künstler Hans Walther (1888-1961), der sich vor allem im Erfurter Raum einen Namen gemacht hat. Für Hameln übernahm der Bildhauer insgesamt vier Aufträge. Drei wurden ausgeführt. Am bekanntesten ist Walthers 1960 gestaltetes Terracotta-Fries „Der Auszug der Hämelschen Kinder 1284 und 1945“, besser bekannt als das Rattenfänger-Relief am Eingang des Bürgergartens. Ein weiteres Fries hat Walther für den Saal der ehemaligen Garnisonkirche (heute Stadtsparkasse) geschaffen. Wie in allen seinen Hamelner Arbeiten, verknüpfte er die Rattenfänger-Sage immer wieder mit den Themen Totentanz, Tod und Trauer. Auch in der Bildsäule.


In etliche Teile zerbrochen (Foto, ganz oben und mittig) ist die markante Bild-
säule aus dem Hochzeitshaus, die sich einst am Treppenaufgang befand
(unten). Unzähligen Hamelnern ist sie noch gut in Erinnerung. Fotos: Dana
Dem Kunsthistoriker Dr. Martin Hellmold lässt die aus dem Hochzeitshaus verschwundene Skulptur, die 1931 als tragende Säule neben einem Ehrenmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen städtischen Angestellten installiert worden war, keine Ruhe. Er forscht nach und findet heraus: Die Bildsäule liegt auf dem Friedhof Wehl, „zwischengelagert“ unter freiem Himmel im sogenannten Erdmagazin. „Sie ist in einzelne Teile zerbrochen und in einem traurigen Zustand“, stellt Hellmold fest, ist aber gleichzeitig überzeugt: „Die Skulptur ist restaurierbar.“ Wenn sich ein Mäzen oder ein Personenkreis von Gönnern fände, die die Kosten übernehmen würden.
Viele Hamelner werden sich noch gut an die große deckenhohe Bildsäule im Hochzeitshaus erinnern, zu der man unwillkürlich aufblickte, wenn man sie passierte. Ob es sich bei der Figur um den Rattenfänger handelt, wie der Rattenkönig zu ihren Füßen suggieren könnte, mag dahingestellt sein: „Es ist ein Gedenkstein“, sagt Hellmold: „Er zeigt einen wehrlosen, jungen, schönen Menschen, der als Opfer für eine ganze Generation junger Männer steht, die gefallen sind.“ Ein Mann ohne Helm, ohne Waffen, ohne Nationalität. Für den Historiker Bernhard Gelderblom ein Indiz für die pazifistische Einstellung des Künstlers. „Hans Walther“, so Gelderblom, „ist von den Nazis geächtet worden. Er bekam keine Aufträge mehr, versuchte irgendwie zu überleben.“ Jetzt liegt eine seiner großen Skulpturen, statt gebührend gewürdigt zu werden, in Trümmern auf dem Friedhof, Wind und Wetter und dem Zahn der Zeit schutzlos preisgegeben.
Wie es dazu kommen konnte? Stadtsprecher Thomas Wahmes hat keine Erklärung dafür: „Als Eigentümer des Hochzeitshauses hatte die Stadt die Umbauarbeiten in die Hände der Erlebniswelt gelegt“, sagt er. Hat man sich denn vorher keine Gedanken über das Inventar gemacht? „Das hätte man machen müssen, aber offenbar nicht ausreichend getan“, räumt Wahmes ein. Und verspricht: „Sollte die Säule restauriert werden, würden wir alles daransetzen, einen Platz zu finden, der der Bedeutung von Skulptur und Bildhauer gerecht wird.“ Die Stadt hat für die Restaurierung jetzt jedenfalls kein Geld mehr – und vor sieben Jahren offenbar nur die Erlebniswelt im Blick undkein Auge für den Wert der Skulptur gehabt.
Von der Witterung angegriffen: Teile der Sandstein-Bildsäule von Hans Walther, die einst im Hochzeitshaus alle Blicke auf sich zog. Fassungslos stehen der Kunsthistoriker Dr. Martin Hellmold und der Historiker Bernhard Gelderblom vor den Trümmern dieses Kunstwerks und vergleichen sie mit dem Original im Hameln-Buch des Verlages CW Niemeyer.
(DEWEZET vom 23.11.2010)
Wenn das historische Erbe auf der Strecke bleibt…
Von Karin Rohr


Der ursprüngliche Eingang und das Treppenhaus des Katasteramtes.
Bei Dunkelheit kamen die Milchglasscheiben des 30er-Jahre-Gebäudes
besonders gut zur Geltung. Fotos: Wal/pr
Hameln. Sünde. Für den Archäologen Joachim Schween sind die jüngsten Modernisierungsarbeiten am Katasteramt in der Falkestraße 11 schlicht Frevel am Bau. Das einst dominierende Gliederungselement der Gebäudefassade, das feingliederige, über Eck greifende, hohe Treppenhaus mit den hellen Sprossen und den Milchglasfenstern gibt es nicht mehr: Es wurde durch eine massive, graue Konstruktion in Sprossenoptik ersetzt, die sehr viel klobiger ausfällt als das Original und in dem baulichen Umfeld fremd wirkt. „Eine energetische Sanierungsmaßnahme“, vermutet Schween, „die aber ohne Rücksicht auf die gelungene historische Architektur durchgeführt wurde.“
Die stammt aus den Jahren 1931/32, ist von kubischer Formstrenge, ohne unnötige Schnörkel und unübersehbar von der Bauhaus-Architektur inspiriert. Deren Ideale hatten die Architekten von damals verinnerlicht: „Wenn man modern bauen wollte, dann so“, sagt Schween. Nicht von ungefähr sind die großen Architekten jener Jahre fast alle durch die Bauhaus-Schule gegangen. Über den Regierungsbaurat Jacobs vom Preußischen Staatshochbauamt, der das Gebäude entworfen hat, weiß man zwar kaum etwas, aber was er geschaffen hat, zählt zu den besten Behördenbauten dieser Stadt. „Noch konsequenter sind die Ideale des neuen Bauens damals nur bei der alten Reese-Fabrik umgesetzt worden“, erklärt Schween. Die aber wurde – obwohl sie unter Denkmalschutz stand – im Jahr 2000 abgebrochen und hat einem Profanbau Platz gemacht. Unter Denkmalschutz steht das Katasteramt zwar nicht, ist sich Schween sicher, aber ein vergleichbares, architektonisch wertvolles Bauwerk aus der Zeit gebe es sonst nicht. Als Behördengebäude war es von Beginn an konzipiert. Das Katasteramt zog dort ein. Und ursprünglich auch noch ein paar weitere Behörden. Als das Gebäude in den 50er Jahren erweitert werden musste, hielt man sich an die Optik: Die Übergänge zwischen „alt“ und „neu“ sind fließend und fügen sich harmonisch in die Gesamtkonstruktion. Eine Besonderheit ist der geometrische Eingang neben dem Treppenhaus, der nur aus rechten Winkeln aufgebaut und jetzt wohl auch Geschichte ist: Die Treppe wurde bereits abgerissen, die Mauer mit der charakteristischen Rundung an der Brüstung ist auch schon verschwunden. Dass hier vermutlich ein behindertengerechter Aufgang geschaffen wird, tröstet Schween nicht. Unter kunsthistorischen Aspekten sei der Eingriff ein Jammer. Schon in ihrem 2004 im Verlag CW Niemeyer erschienenen Buch „Hameln – Bilder einer Stadt aus acht Jahrhunderten“ haben die Autoren Joachim Schween und Bernhard Gelderblom das Katasteramt als großartiges Beispiel für die funktionale 30er-Jahre-Architektur in Hameln gewürdigt.
Sowohl der Archäologe Schween als auch der Historiker Gelderblom engagieren sich im Vorstand des Vereins für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln e.V.: „Indem wir uns mit der Vergangenheit befassen, wollen wir ein Bewusstsein für das noch Vorhandene schaffen und die gegenwärtigen Veränderungen und Planungen kritisch begleiten“, erklären die beiden. Und dazu zählen nicht zuletzt herausragende Bauwerke aus den 30er oder 50er Jahren: „Gerade der Wert von modernen Bauten des vergangenen Jahrhunderts wird gern unterschätzt“, weiß Schween. Und längst nicht alles, was architektonisch wertvoll ist, steht unter Denkmalschutz. Das Katasteramt, das zu den Landesliegenschaften gehört, ist so ein Beispiel. „Bei allem Verständnis für Modernisierungsmaßnahmen, die perfekte Architektur dieses 30er-Jahre-Gebäudes wurde zerstört“, steht für Schween und Gelderblom fest.
Der Eingriff in die Bauhausoptik des Katasteramtes in der Falkestraße ist für Joachim Schween eine Bausünde: Treppenhaus und Eingangsbereich wurden verändert, die Perfektion der 30er-Jahre-Architektur blieb auf der Strecke.
(DEWEZET vom 16.06.2010)
Damit Erinnerungen besser gepflegt werden
Hameln (wft). Von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, steht die verwitterte Skulptur „Der Brettermann“ in Hameln am Wilhelmsplatz, umgeben von wilderndem Grün, unlesbar versteckt die Plakette, die Auskunft über Herkunft, Sinn und Urheber des Werkes geben könnte. „Der Brettermann“ gehört zu den Objekten in Hameln, die als Kunst im öffentlichen Raum bezeichnet werden, um die sich aber kaum jemand kümmert, wie der im Februar gegründete „Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln e.V.“ am Dienstagabend beklagte, als er sich im Haus der Kirche der Öffentlichkeit präsentierte.


Fotos: Wolfgang F. Truchseß, DeWeZet
Kunst im öffentlichen Raum ist dabei nicht das einzige Thema, um das sich der Verein mit seinem aus Bernhard Gelderblom, Martin Hellmold und Mario Keller-Holte bestehenden Vorstand kümmern will. Dem Team um Gelderblom, fast durchweg Historiker und Kunstgeschichtler, geht es um eine „Kultur der Erinnerung“, die sich „konkret mit der Vergangenheit seiner nahen Umwelt“ auseinandersetzt. Die Planung des Vereins sieht dazu eine ganze Reihe von Vorträgen und Stadtführungen zu Themen wie Stadtsanierung, Klütfestung, Kriegszerstörung, Wiederaufbau und Neubauten der 50er Jahre vor, aber auch die ganz konkrete detaillierte Erforschung der städtischen Vergangenheit im 20. Jahrhundert mit der Geschichte der Täter und Opfer während der Zeit des Nationalsozialismus.
Die Schwerpunkte des Vereins seien geprägt durch die persönlichen Interessen der Vereinsmitglieder, erläuterte Martin Hellmold. „Aber wir sind offen auch für andere Themen.“ Obwohl bei der Präsentation vor allem Hamelner Themen angesprochen wurden, gelte das Interesse des Vereins ebenfalls der Region, dem Landkreis Hameln-Pyrmont und dem mittleren Weserbergland insgesamt. Die Kunstgeschichtlerin Dagmar Köhler und der Archäologe Joachim Schween beispielsweise wollen sich vor allem um die Entwicklung der Ortsbilder kümmern und stellten dies am Beispiel der Entwicklung des Ostertorwalls vor. „Der Gürtel der Wallstraßen um die Altstadt macht uns besondere Sorge“, betonte Schween und wies gemeinsam mit Dagmar Köhler anhand von Fotos nach, wie sich das Straßenbild auf dem kurzen Abschnitt zwischen Deisterallee und Bismarckstraße innerhalb weniger Jahre massiv verändert hat. „Wir wollen künftig versuchen, eine Entwicklung zum Schlimmeren zu verhindern“, sagte Schween. Derzeit sei das bauliche Ensemble um die alte Feuerwache ein Beispiel für die Notwendigkeit, sich einzumischen und die Geschicke der Hamelner Baukultur ein wenig mitzulenken.
Wie wenig erforscht die Geschichte der handelnden Personen zu Zeiten des Nationalsozialismus ist, legten Wilfried Altkrüger, Vorsitzender des Hamelner Roten Kreuzes, und der freischaffende Historiker Mario Keller-Holte dar. Wer etwa erinnert sich in Hameln noch des Namens Richard Kalusche? Kaum etwas scheint über ihn dokumentiert. Dabei war er einer der brutalsten Anführer der SA in Hameln, der sich damit brüstete, dass seine SA-Truppe den zweifelhaften Ruf eines „Mördersturms“ genoss, wie Keller-Holte berichtete. Und welch ein Zynismus, dass Kalusche nach dem Krieg, von allen Vorwürfen freigesprochen, in aller Ruhe im Haus des 1938 an den Folgen nationalsozialistischer Misshandlungen verstorbenen jüdischen Arztes Siegmund Kratzenstein lebte.
„Viele Täter des Dritten Reiches“, beklagt Gelderblom, „wurden auch in Hameln nicht ausgestoßen, nicht verfolgt und verurteilt, sondern toleriert, respektiert, in ihren Positionen belassen oder wieder zugelassen und bei ihren Karrieren befördert.“ Eine Aussage, die Altkrüger mit der Laufbahn des ehemaligen Senators Busching belegte, der 1933 als Leiter der Sani-Kolonne der SA im Handstreich das Rote Kreuz in Hameln übernommen und nach erfolgreicher NS-Karriere 1948 seinen Freispruch im Entnazifizierungsverfahren erreicht habe. Als Chef der Hamelner Polizei war er 1942 verantwortlich für den Abtransport der jüdischen Bevölkerung in ihr Todesschicksal und habe dennoch im Jahr 1959 das Bundesverdienstkreuz erhalten, wie Altkrüger berichtet.
So wird sich der neue Verein um vielerlei Themen kümmern, darunter auch um die Bedeutung des NS-Kultortes Bückeberg. Wichtig am Bückeberg ist Gelderblom die Tatsache, dass ein Ort wie dieser mit der Attraktivität seiner Massenveranstaltungen erst die Erklärung bringe, „warum Bergen-Belsen möglich war“.
