Orte der Erinnerung für die Opfer des Nationalsozialismus
im Kreis Hameln-Pyrmont und angrenzenden Orten

Bad Münder

Texte und Fotos: Bernhard Gelderblom
 

Jüdischer Friedhof

Lage und Größe:   Deisterallee (Ecke Mönjesod; Ausfallstraße in Richtung Osten); 658 qm von ursprünglich 2424 qm (davon wurde früher ein größerer Teil als Garten genutzt)
 
Bestand an Steinen:   28 Steine (1826 bis 1917) aus einem größeren Bestand; erhebliche Zerstörungsspuren
 
Daten zur Geschichte:   Datum der Gründung nicht bekannt
letzte Beerdigung 1937
1939 Schließung des Friedhofs (Beerdigungen müssen nun in Lauenau stattfinden)
1941 Verkauf des Geländes an einen Privatmann
seit 1960 im Besitz des Landesverbandes
1961 wieder hergerichtet
 

 

Am 15. September 2014 brachte die Stadt Bad Münder am Friedhof eine Informationstafel an. Ihr von Bernhard Gelderblom formulierter Text lautet:

Der Friedhof der jüdischen Gemeinde Bad Münder

Der Friedhof der jüdischen Gemeinde Bad Münder ist zuerst 1782 bezeugt. Es handelt sich um ein ursprünglich sehr großes, weit vor der Stadt liegendes Grundstück, von dem nur ein Teil als Friedhof genutzt wurde.

Nach den schrecklichen Ereignissen der Pogromnacht des 9. November 1938, die für Bad Münder die Verwüstung der Synagoge und die Verschleppung von drei Männern in das Konzentrationslager Buchenwald brachten, war die jüdische Gemeinde gezwungen, die unbelegte Hälfte des Grundstücks zu verkaufen.

Der Bürgermeister der Stadt setzte 1939 die Schließung des Friedhofs durch. Zu der von ihm geplanten Nutzung des Geländes als Schießstand kam es jedoch nicht. 1941 wurde auch der als Friedhof genutzte Teil an einen Privatmann verkauft, der die Grabsteine abräumte und das Gelände als Gemüsegarten nutzte.

1953 erhielt der Landesverband der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen einen Teil des Grundstücks zurück. Ohne Wissen um den ursprünglichen Standort der Grabsteine ließ dieser 1961 den Friedhof wiederherstellen. Von den 1939 noch vorhandenen 39 Steinen konnten 28 gerettet und wieder aufgestellt werden.

Nach jüdischem Verständnis ist ein Friedhof ein „Haus der Ewigkeit“, ein heiliger, unantastbarer Ort. Im Blick auf die leibliche Auferstehung der Toten am Ende der Tage hat die Ruhe der Toten dauerhaft zu sein. Die Schauseite der Steine ist in Richtung Jerusalem ausgerichtet – dorthin, wo der Messias als erster auferstehen wird.

Neben dem Gebäude der ehemaligen Synagoge ist dieser Friedhof das einzige Zeugnis des einstigen jüdischen Lebens in Bad Münder. In der Zeit des Nationalsozialismus – 1933-1945 – wurden die jüdischen Bürgerinnen und Bürger der Stadt ohne erkennbaren Protest der Bevölkerung von Bürgern der Stadt entrechtet und gedemütigt. Sie wurden verjagt oder deportiert und ermordet.

„Mögen ihre Seelen eingebunden sein in das Bündel des Lebens.“

Die Stadt Bad Münder im Jahre 2014

 
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Das Gebäude der ehemaligen Synagoge Bad Münder

1835 erwarb die Gemeinde Münder das Friesesche Bürgerhaus (Deisterallee 3, Ecke Junkerstraße) und richtete dort eine Synagoge ein. Auch eine Mikwe war vorhanden.

Die beiden Wohnhäuser gehörten bis 1938 der jüdischen Gemeinde in Münder. Im Vorderhaus wohnte eine jüdische Familie, im Nachbarhaus befand sich die Synagoge.

Bei der Synagoge handelt es sich um einen ungeteilten Raum mit hoher sternenbemalter Decke und hohen Rundbogenfenstern. Der Thora-Schrein befand sich in der Ostwand. Im Westen war für die Frauen eine Empore installiert, die durchs Vorderhaus über eine steile Treppe erreichbar war. An den Seiten standen schlichte Holzbänke.

Am Morgen des 10. November 1938 drangen SS- und SA-Männer in den Synagogenraum ein, zerstörten die bleiverglasten Fenster und verwüsteten das Inventar. Im Dezember 1938 erfolgte der Verkauf des Synagogengebäudes an das Ehepaar Fritz und Elli Wingerter.

Der zum Wohnen ungeeignete hohe Synagogenraum wurde als Lager genutzt. 1965 bauten Wingerters das Gebäude unter Wahrung der äußeren Form (Dach und Außenwände) zu einem zweigeschossigen Wohnhaus um. Kultgegenstände, Gebetbücher und ein Kronleuchter, die beim Umbau zutage traten, wanderten damals auf den Müll.

 
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Die Tafel am Gebäude der ehemaligen Synagoge in der Junkerstraße

1988 brachte die Stadt – offenkundig auf Druck des Deister Anzeiger – eine Erinnerungstafel in Bronze am Hause der ehem. Synagoge in der Junkerstraße an.
Der Journalist Dieter Klocke (Deister Anzeiger 5. 11. 2003):

„Anstatt sie allerdings an der Hausseite befestigen zu lassen, die von Passanten in der Deisterallee gesehen wird, versteckte man den kargen Hinweis im Hauseingang Junkerstraße.“

Ihr Text lautet:

„An dieser Stelle befand sich die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Bad Münder. Zum Gedenken an die Mitbürger unserer Stadt, die in den Jahren 1933 – 1945 Opfer der Gewalt wurden.
1987
Stadt Bad Münder am Deister.“

Im Schreiben an den Landesverband der jüdischen Gemeinde Niedersachsens hatte die Stadt vorher um Zustimmung zum Text gebeten und die Formulierung mit den folgenden Worten kommentiert:

„Die Mitglieder des Verwaltungsausschusses waren einmütig der Auffassung, daß die hier gewählte prägnante Eindringlichkeit der Widmung dem ernsthaften Anlaß gemäß aussagekräftig ist.“
(Akte Landesverband: 8.1.1988 Stadt an Landesverband)

Es ist eine Formulierung im Stil der Zeit, welche die Tat nur andeutet und die Täter verschweigt.
 

Text:   Stadt Bad Münder
Auftraggeber:   Stadt Bad Münder
Eingeweiht:   1988
 

 

Am 15. September 2014 ersetzte die Stadt Bad Münder die Tafel von 1988 durch eine neue Informationstafel. Ihr von Bernhard Gelderblom formulierter Text lautet:

Die Synagoge der jüdischen Gemeinde Bad Münder

In diesem Gebäude befand sich seit 1835 die Synagoge der jüdischen Gemeinde von Bad Münder.

 

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Die ehemalige Synagoge der jüdischen Gemeinde Bad Münder. Rekonstruktion der Straßenseite (Südansicht). Das hochgestellte Fenster bezeichnet den Ort der Frauenempore.
(Quelle: TU Braunschweig, Fachgebiet Baugeschichte)

Die Synagoge war ein hoher Raum mit Rundbogenfenstern und einem blauen Sternenhimmel unter der Decke. An der östlichen Wand befand sich der Schrein zur Aufbewahrung der heiligen Thorarolle, im Westen die Empore für die Frauen. Im Nachbargebäude war zeitweise die Schule der Gemeinde untergebracht.

Am 10. November 1938 demolierten und plünderten SA-Männer aus Bad Münder und Springe das Gebäude. Am selben Tage verhafteten die Nationalsozialisten drei jüdische Männer, aus Bad Münder Louis Windmüller und Hermann Friedheim, sowie aus Hachmühlen Walter Kosterlitz. Die Festgenommenen wurden in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt, wo sie für mehrere Wochen unter entsetzlichen Bedingungen festgehalten wurden.

Nach seiner Rückkehr aus Buchenwald war Louis Windmüller als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde gezwungen, das Gebäude der Synagoge zu verkaufen. Das Geld aus dem Verkauf ging an die „Reichsvereinigung der Juden“, eine von der Gestapo kontrollierte Zwangsorganisation.

Das Gebäude wurde in der Folge als Lager zweckentfremdet und 1965 zu einem zweigeschossigen Wohnhaus umgebaut, in dem nichts mehr an den ursprünglichen Zweck erinnert.

Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.
Das Gegenteil von Hoffnung ist nicht Verzweiflung,
das Gegenteil von Erinnerung und Gedächtnis nicht Vergessen,
es ist wiederum Gleichgültigkeit.

Nur Erinnerung kann gegen sie ankämpfen.

Wenn wir aus dieser Gleichgültigkeit ausbrechen,
kann die Vergangenheit mit all dem Grauen, das sie enthält,
ein Schutzschild für die Menschheit werden.

Elie Wiesel

Die Stadt Bad Münder im Jahre 2014

Eine weitere Informationstafel brachte die Stadt Bad Münder am 15. September 2014 am ehemaligen Feuerlöschteich an. Ihr von Bernhard Gelderblom formulierter Text lautet:

Die Deportation der jüdischen Einwohner Bad Münders im Jahre 1942

Die Juden der Stadt Bad Münder wurden im Jahre 1942 in drei Transporten deportiert, die der Landrat in Springe und der Bürgermeister der Stadt Bad Münder im Auftrag der Gestapo Hannover organisiert hatten. Hier am Feuerlöschteich mussten sie unter den Augen der Bevölkerung auf einen LKW steigen, der sie zusammen mit den übrigen Juden des Landkreises Springe in ein Sammellager auf dem Gelände der ehemaligen israelitischen Gartenbauschule in Hannover-Ahlem transportierte.

Am 28. März 1942 wurden die Eheleute Hedwig und Eugen Herze sowie aus Hachmühlen Walter Kosterlitz verschleppt.

Hermann Friedheim, seine Ehefrau Sophie und ihre Tochter Ingrid wurden am 1. Juli 1942 in Bad Münder verhaftet und fünf Tage später in das „Judenhaus“ in Hannover-Ahlem eingeliefert.

Am 20. Juli 1942 wurden die über 65 Jahre alten Schwestern Frieda und Henny Hammerschlag sowie Helene Ney deportiert.

Aus Hannover-Ahlem wurden sie in den Osten deportiert und ohne Ausnahme in den Vernichtungslagern ermordet.

Diese Tafel wurde zur Erinnerung an die jüdischen Bürgerinnen und Bürger Bad Münders errichtet. Sie waren Deutsche. Viele von ihnen lebten seit Generationen in dieser Stadt. In der Zeit des Nationalsozialismus – 1933-1945 – wurden sie ohne erkennbaren Protest der Bevölkerung von Bürgern der Stadt entrechtet, gedemütigt und verjagt.

Wir dürfen dieses Unrecht nie vergessen.

Die Stadt Bad Münder im Jahre 2014

 
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Gräber von Zwangsarbeitern auf dem Gemeindefriedhof

Auf dem Gemeindefriedhof von Bad Münder befindet sich ein großes Gräberfeld, auf dem in sechs langen Reihen Ausländer aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges liegen. Offenbar handelt es sich um Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Bad Münder und der näheren Umgebung.

Ein Widmungsstein enthält die wenig aussagekräftige Inschrift:

„Den hier Ruhenden zum Gedächtnis.“

Es handelt sich um insgesamt 126 Einzelgrabsteine mit Namen, Geburts- und Sterbedaten sowie Nationalitätsbezeichnung.

Laut Inschriften sind hier begraben 47 Polen, 18 Ukrainer, 11 Letten, 7 Litauer, 6 Jugoslawen, 6 Esten, 5 Russen, 3 Rumänen, 2 Italiener und je ein Belgier und Grieche. Der hohe Anteil der Menschen aus baltischen Ländern überrascht.

Noch mehr überrascht die Tatsache, dass die große Mehrzahl der hier Bestatteten nach dem Krieg gestorben ist. Die Sterbedaten nach Jahren lauten:

1941: 3, 1942: 3, 1943: 2, 1944: 1, 1945: 6, 1946: 15, 1947: 16, 1948: 20, 1949: 10, 1950: 12, 1951: 6, 1952: 1;
ohne Datum bzw. unlesbar: 2.

Um welchen Personenkreis es sich hier handelt, ist bisher nicht erforscht.

 
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Gräber von Kriegsgefangenen auf dem Gemeindefriedhof

Ein weiteres gut 60 Grabsteine umfassendes Gräberfeld enthält laut Hinweisstein Kriegsgräber. Unter den mehrheitlich deutschen Kriegsopfern befinden sich auch 8 ausländische Gräber aus den Jahren 1944 und 1945.

Vornamen und Geburtsdaten fehlen nicht selten. Da keine Nationalitätsbezeichnungen vorhanden sind, kann nur aus den Namen auf die Herkunft geschlossen werden. Es dürfte sich um Kriegsgefangene aus Polen, Russland, der Ukraine und Litauen handeln.

 
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